Nachrichten

    Das IRT soll dicht gemacht werden

    Sündenbock für ARD- und ZDF-Versagen

    Das IRT soll dicht gemacht werden

    Motorrad-Rennfahrer auf einem Fernsehbildschirm. Unten rechts lehnt ein Tablet-PC am Fernseher IRT Im europäischen IRT-Projekt 2-IMMERSE werden Multi-Screen-Anwendungen entwickelt. Beispielsweise können Echtzeitdaten des Renngeschehens und zusätzliche Kameraperspektiven auf den Tablet-PC übertragen werden.

    31. Januar 2020

    Das weltweit renommierte Institut für Rundfunktechnik (IRT) in München soll durch Kündigung aller Gesellschafter (ARD, ZDF, SRG/SSR, ORF und Deutschlandradio) mit seinen rund 120 Mitarbeiter*innen Ende dieses Jahres von der Bildfläche verschwinden.

    Künstliche Intelligenz, 5G, IP-Vernetzung heutiger und künftiger Produktionsprozesse, Neue Audio- und Video-Technologien, Barrierefreiheit und Standardisierung in den Zeiten von Mediatheken: Das IRT bietet eigentlich jede Menge Zukunftsthemen; Themen, für die der BR-Intendant (und bis vor kurzem ARD-Vorsitzender) Ulrich Wilhelm im SZ-Interview „Demokratie ist störanfällig“ am 21. Dezember 2019 für mehr Anstrengungen seitens der Europäer geworben hat.

    Das IRT ist weltweit in der Standardisierung im Medienbereich tätig und damit sehr oft der deutsche und europäische Gegenpol in ansonsten von US-Unternehmen dominierten Gremien. Das Ergebnis sind offene Standards, die in einer größeren Marktauswahl für Produkte resultieren und längerfristig für große Einsparungen beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland und Europa sorgen. Erst im Januar 2020 gewann der vom IRT mitentwickelte und nicht nur von der ARD deutschlandweit eingesetzte IP-Audio-Standard AES67 den renommierten Emmy Award for Technology and Engineering.

    Warum ARD und ZDF trotz der enormen Herausforderungen einer sich immer weiter digitalisierenden Gesellschaft ihr weltweit renommiertes Forschungsinstitut mit Sitz am BR-Campus in München-Freimann ohne Not schließen, bleibt ein Rätsel. Finanziell steht das IRT momentan so gut wie noch nie da.

    Das IRT wurde in der Vergangenheit durch einen Patentskandal erschüttert, der in diesem Ausmaß überhaupt nicht möglich geworden wäre, wenn ARD und ZDF ihrer Aufsichtspflicht als Gesellschafter nachgekommen wären. So steht in § 2 der Geschäftsordnung des IRT, dass es in Rechtsangelegenheiten vom Justitiar einer Rundfunkanstalt beraten wird, den der Vorsitzende der Gesellschafterversammlung mit Einverständnis des jeweiligen Intendanten bzw. der jeweiligen Intendantin bestimmt. Warum dann Verträge mit internationalen Patentverwertern, die sich im Nachhinein als sehr nachteilig für das IRT ausgewirkt haben, nie auch von den Gesellschaftern hinterfragt wurden, ist unklar. Auch besagt § 1 der Geschäftsordnung, dass die Geschäftsführer des IRT an die von der Gesellschafterversammlung getroffenen Beschlüsse gebunden sind. Von einem völlig eigenständigen Handeln des IRT-Managements in den Patentangelegenheiten konnte demnach nie die Rede sein.

    Im IRT selbst wurde aufgeräumt, Anfang 2018 ein neuer Geschäftsführer eingestellt und an einem Zukunftskonzept gearbeitet. Noch im September 2019 wurde der Belegschaft das von allen Gesellschaftern ausgearbeitete Konzept des IRTs mit einem 5-Jahres-Plan, großem Einsparpotential und ohne betriebsbedingte Kündigungen vorgestellt.

    Kurz vor Weihnachten 2019 folgte dann der Schock für die Mitarbeiter*innen: erst kündigte das ZDF seinen Rückzug aus dem IRT an, dann stiegen die restlichen Gesellschafter aus, was bedeutet, dass Ende des Folgejahres – also 2020 – komplett Schluss ist.

    Der vorgeschobene Grund der Kündigung des ZDF war, dass es das IRT in dieser Form nicht mehr brauche. Dass das ZDF dann aber an genanntem Zukunftskonzept mitgearbeitet und dieses auch noch offiziell im September 2019 mitgetragen hat, überrascht dann doch. Auf Fachebene des ZDF, das seit Jahren in vielen Projekten erfolgreich mit dem IRT zusammenarbeitet, ist die Entscheidung nicht nachvollziehbar: Dass Themen wie IP-Vernetzung heutiger und künftiger Produktionsprozesse, Barrierefreiheit und Mediatheken für das ZDF nicht mehr wichtig wären - Themen die das ZDF übrigens jedes Jahr mitbestimmt hat - ist nicht glaubhaft. In den Fachbereichen der anderen Gesellschafter innerhalb der ARD ist die Stimmung ähnlich.

    Anstatt nun in den eigenen Reihen bei ARD und ZDF die dort Verantwortlichen im Patentskandal zur Rechenschaft zu ziehen, sollen nun diskret 120 IRT-Mitarbeiter*innen entlassen werden, anscheinend um zu zeigen, dass man „Konsequenzen“ aus dem Skandal zieht.

    Auch IRT-Mitarbeiter*innen wurden um Patenteinnahmen betrogen, aber haben eigentlich nur einen „großen Fehler“ gemacht: Sie haben zu erfolgreiche Technologien und Patente (u.a. für MP3) entwickelt, die heute in quasi jedem Smartphone weltweit eingesetzt werden. Anstatt herausragende Ingenieurleistungen anzuerkennen und zu fördern, wurde nun ein Sündenbock für betriebswirtschaftliches und juristisches Versagen seitens ARD und ZDF gefunden.

    Wie ARD und ZDF diese Knowhow-Lücke ohne Synergieeffekte einer Gemeinschafseinrichtung schließen wollen und was aus den rund 120 IRT-Mitarbeiter*innen werden soll, ist absolut unklar. Auch an Rückforderungen von Fördergeldern für die zahlreichen laufenden EU-Förderprojekte, die nun nicht zu Ende geführt werden können, wurde nicht gedacht.

    Dass sich ARD und ZDF durch eine übereilte Schließung der Gemeinschaftseinrichtung IRT Geld sparen, darf auf jeden Fall stark bezweifelt werden. Dass sich jede einzelne Anstalt nun selbst mit strategisch wichtigen Zukunftsthemen beschäftigt, schafft teurere Parallelstrukturen und sollte auch die KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) auf den Plan rufen.

    Liebe ARD und liebes ZDF, lieber Herr Wilhelm, lieber Herr Söder, wenn Sie es ernst meinen mit Ihren Forderungen nach einer stärkeren Digitalisierung in Europa, dann stärken Sie die Gemeinschaftseinrichtung IRT, anstatt sie zum „Bauernopfer“ zu machen!


    Noch kein ver.di-Mitglied? Dann #jetzteinschalten!