Bayerischer Rundfunk

    Bayerischer Rundfunk - das war euer Streiktag am 09.11.2022

    Bayerischer Rundfunk - das war euer Streiktag am 09.11.2022

    Mit einem bunten Programm und viel Kritik an ihrem Arbeitgeber haben die Beschäftigten des Bayerischen Rundfunks und der Gemeinschaftseinrichtungen der öffentlich-rechtlichen Sender am 09.11. einen starken Akzent gesetzt. 

    Ab vier Uhr in der Früh waren die ersten Streikposten der ver.di im Einsatz, um 10 Uhr trotzten die Streikenden in Nürnberg dem Wetter bei ihrer Streikversammlung an der Pforte des Studios Franken und ungefähr zur gleichen Zeit fing auch der Platz vor dem Funkhaus in München an sich zu füllen. 

    In emotionalen Wortbeiträgen richteten sich die Streikenden am Funkhaus an die Geschäftsleitung: 
    Sie berichteten von finanziellen Nöten, weil jeden Monat weniger Geld in der Tasche ist und gleichzeitig Energieabschläge verdoppelt werden. Das Angebot des BR drücke vor allem eines aus, so eine Kollegin aus der Produktion: Fehlende Wertschätzung. 
    Auch die Rahmenbedingungen wurden thematisiert: Der Bayerische Rundfunk befindet sich im Umbauprozess, den Beschäftigten verlangt er dabei eine Menge ab - aber selbst diejenigen, die alle Maßnahmen mittragen an Umschulen teilnehmen und vollkommen veränderte Arbeitsplätze ausfüllen, haben Sorge auch in Zukunft ihre Familie ernähren zu können. Sukzessive knuspert der BR Arbeitgeberleistungen weg. Aktuelles Beispiel ist der Wegfall der Taxischeine für Mitarbeitende in der Produktion, die vor der ersten ÖPNV-Verbindung zum Dienst antreten müssen - bis vor kurzem wurde in Vorstellungsgesprächen noch mit der Option geworben, nun müssen die Taxikosten aus der eigenen Tasche gezahlt werden.

    Das Ergebnis: Das einst familiäre Gefühl, das der Arbeitsplatz BR geboten habe, sei verschwunden. Und doch - auch in den Redebeiträgen wurde deutlich, dass die Mitarbeitenden mit diesem Streik nicht gegen, sondern für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk streiken. Für einen familiären Arbeitsplatz, der ihnen die Loyalität und Sicherheit bietet. 

    Für viele bietet sich sogar noch weniger Perspektive, denn für ein großes Heer ist nach zwei Jahren Beschäftigung schlicht Schluss. Das heißt: Keine Perspektive in einem der teuersten Ballungszenten Deutschlands und damit schlechtere Chancen bei Wohnungssuche oder Bankkrediten - sowie die große Frage, wie die Lebensplanung eigentlich aussehen kann, wenn man nicht weiß, ob, wie und wo man in 24 Monaten arbeiten wird.

    Aber auch der Druck, der auf den Mitarbeitenden der öffentlich-rechtlichen lastet, wurde deutlich: Mit Kreativität, Begeisterung und viel Kompetenz sorgen die festen und freien Mitarbeitenden für ein qualitativ hochwertiges und gut recherchiertes Programm - müssten sich für ihre Tätigkeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aber immer öfter rechtfertigen - nicht nur beim Dreh, sondern auch im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis. 

     Bei der Veranstaltung an der Pforte des Studios Franken hatten die Mitarbeiter*innen ihre Sorgen und Forderungen auf Plakaten mitgebracht:

    Streik Studio Franken Henry Lai Streik Studio Franken
    Tina Scholze beim BR Nürnberg Henry Lai Tina Scholze spricht bei der Streikversammlung
    Botschaften an den BR Henry Lai Streikbotschaften aus Nürnberg

     

      

      

     

     

     

    Scharfe Kritik hagelte es aus den Reihen von Rednern und Beschäftigten an Tom Buhrows Ausführungen zum System öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Dass ein verantwortlicher Intendant, der die Ausgestaltung des örR über Jahre hinweg gestaltet und verantwortet hat, den Beschäftigten so in den Rücken fällt, verursachte Unverständnis und Fassungslosigkeit. 

    Der Verbandsvorsitzende des Senderverbands öffentlich-rechtlicher Rundfunk Bayern, Werner Przemeck, machte in seiner Rede am Funkhaus nochmal deutlich, dass es nun dringend notwendig sei, dass Bewegung in die festgefahrene Tarifrunde komme. 

    In Nürnberg bezog Tina Scholze klar Stellung: „Das AG-Angebot von 2,8%, welches im vergangen Jahr bei der halben Inflation, in der Tarifrunde der Länder abgeschlossen wurde, ist jedenfalls kein verhandlungsfähiges Angebot. Außerdem besteht bei den Honorarzahlungen Handlungsbedarf. Wenn Honorarbeschäftigte seit 30 Jahren den gleichen Honorarsatz für ihre Arbeit erhalten, dann stimmt etwas nicht mit dem System..“

    Für gute Stimmung sorgte bei der Veranstaltung am Funkhaus auch die Streikband, die mit selbst geschriebenen Texten zu bekannten Melodien zum lautstarken Mitsingen und Mitkritisieren einlud. Zur Melodie des bekannten Wahlmünchners Freddie Mercury „We will rock you“ sang die Menge  „Wenn‘s sei muaß, dann streik‘ ma“. Janis Joplins „Mercedes Benz“ wurde zum „Dienstwagenblues,“ auf Brechts Mackie-Messer texteten sie „Und die Neuen sollen schuften / für viel weniger als jetzt / dafür solln sie alles geben / nach sechs Jahrn werden’s ersetzt“. 

    Luise Klemens, Landesbezirksleiterin ver.di Bayern richtete sich in einem Statement an die Beschäftigten:

     „Die Beschäftigten des Bayerischen Rundfunks brauchen angesichts der explodierenden Kosten und der daraus resultierenden prekären Situation dringend eine Perspektive. Insbesondere die unteren Gehaltsgruppen trifft die Entwicklung vollkommen schutzlos, deshalb brauchen die Beschäftigten bessere Löhne. Die Beschäftigten zum Spielball der gesellschaftlichen Diskussion zu machen, ist unverantwortlich und wird der Leistung, die auch die Angestellten und Freien jeden Tag erbringen, nicht gerecht. Auch sie sehen sich tagtäglich Anfeindungen ausgesetzt – nun sollen sie ihre Loyalität zum System öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch noch mit einem herben Kaufkraftverlust bezahlen. Das ist nicht hinnehmbar. Und deshalb steht Ihr heute an der richtigen Stelle, liebe Kolleginnen und Kollegen, nämlich auf der Straße. Und deshalb gehört Euch heute unsere ungeteilte Solidarität!“

    Und auch aus den Reihen der betroffenen Zuschauer und Zuhörerinnen schwappte eine Welle der Solidarität in Richtung streikende ÖrR-Mitarbeitende. Diese fluteten die offizielle Pressemitteilung des Senders zum Streik mit Solidaritätsbotschaften und wünschten den Streikenden viel Erfolg und Durchhaltevermögen zur Durchsetzung ihrer angemessenen Forderungen. 

    Streikposten am Funkhaus Annette Greca Frühschicht bei den Streikposten am Funkhaus
    Streikposten am Standort Freimann ver.di Streikposten am Standort Freimann
    Streikveranstaltung am Funkhaus München ver.di Streikveranstaltung am Funkhaus München
    Rede von Werner Przemeck ver.di Werner Przemeck
    Streikversammlung am Funkhaus ver.di Funkhaus - Streikveranstaltung

    Auch in anderen Rundfunkanstalten wurde am 09.11. gestreikt, während vor dem Funkhaus in München noch die Trillerpfeifen tönten, wurde in einem bundesweiten Livestream von verschiedenen Standorten über die ARD-weit feststeckenden Verhandlungen und die Aktionen der ver.di in verschiedenen Sendern berichtet. Für den BR schalteten sich Schlien Gollmitzer von PULS und Werner Przemeck vom Rande des Warnstreikgeschehens zu.

    Der ZÜNDFUNK fragte auf Facebook nach dem besten Streiksong, entsteht da vielleicht eine Playlist für das nächste Mal?

    Vielen herzlichen Dank an alle, die durch ihren Einsatz diesen Streiktag möglich gemacht haben - ihr wart ein tolles Team!  
    Falls ihr noch Fotos gemacht habt, schickt mir diese gerne zu - der Artikel wird im Laufe der kommenden Tage noch um weitere Bilder ergänzt.