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    Zum Tod von Jürgen Schröder-Jahn

    Zum Tod von Jürgen Schröder-Jahn

    Jürgen Schröder-Jahn hat mit seinen Reportagen aus der Arbeitswelt das Programm der 70er und 80er Jahre geprägt. Er war unabhängig, unbeugsam und unbestechlich, weder anpassungswillig noch fähig dazu, bisweilen herrisch, zugleich voller Empathie für Menschen, die er in seinen Filmen zeigte und hilfreich gegenüber jungen Kolleginnen und Kollegen, die er teilhaben ließ an seinem Wissen, seiner Professionalität und seinem Einfallsreichtum (oft eingehüllt in dichten Zigarrenrauch - auch das machte ihn zum Außenseiter in Zeiten, als das schon nicht mehr recht angesagt war). Und er war ein - bisweilen bis zum Äußersten - engagierter Gewerkschafter.

    Schröder-Jahns wohl bekanntester Programm-Beitrag war in den 70er Jahren die Sendereihe DER BERTRIEBSRAT. Das Ziel: Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern zu vermitteln, wie sie ihr Recht auf Mitbestimmung entsprechend dem Betriebsverfassungsgesetz durchsetzen können. Im Verwaltungsrat des NDR saßen damals nur die Ministerpräsidenten der Länder, denen missfiel dieses Programm außerordentlich (ebenso wie dem CDU-Programmdirektor Friedrich Wilhelm Räuker). Der Verwaltungsrat verlangte die Absetzung der Reihe, der damalige Intendant Martin Neufer verweigerte dies auf Anraten des damaligen Justitiars Jobst Plog, und das war erklärtermaßen einer der entscheidenden Gründe für den schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Gerhard Stoltenberg, den Staatsvertrag des NDR zu kündigen.  

    Jobst Plog, von 1991 bis 2008 Intendant des NDR und für einen Nachruf um ein Wort zu seinem alten Gefährten Jürgen Schröder-Jahn gebeten, schreibt:  „Jürgen Schroeder-Jahn war ein Freund. Ein gelegentlich schwieriger Freund, weil er mir fast immer in anderen Rollen begegnet ist, die er jeweils sehr vehement vertrat. Aber wir wussten stets, dass wir für dasselbe standen: Den von sachfremden Einflüssen freien, den mutigen, engagierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Leute und Gruppen, die das anders wollten, gab es reichlich. Auch das hat uns verbunden.“

    Vehement gestritten hat Schröder-Jahn über Jahrzehnte für die Rechte der Freien Mitarbeiter. Dass es überhaupt in der ARD Tarifverträge für Freie gab, ist auch und ganz wesentlich seiner Beharrlichkeit und Energie zu verdanken. So hat er ein ganzes Jahr lang dem NDR seine Mitarbeit verweigert, um auf die absurden Beschäftigungsregelungen aufmerksam zu machen, hat in der Zeit nur für den HR und den WDR gearbeitet - mit schmerzhafter wirtschaftlicher Einbuße am eigenen Leibe. Redaktionen wie die meine haben ihn hoch geschätzt und das Fehlen seiner Handschrift im Programm für ein ganzes Jahr fiel denn auch ärgerlich auf bis hinauf in die Hierarchie.

    Ich selbst habe mit ihm zudem über viele Jahre gemeinsam in den Tarifverhandlungen des NDR gesessen, wir haben Gewerkschaftstage besucht, den Streik zur Erhaltung des NDR mit organisiert und den Übergang von der RFFU zur IG Medien bis zu ver.di mitvollzogen (auch ich bin ein Fossil)!

    Jürgen Schröder Jahn ist am 3. August mit 86 Jahren gestorben. Der von ihm bedingungslos verteidigte öffentlich-rechtliche Rundfunk hat Menschen wie ihn gebraucht. Er wird sie brauchen, um auch in Zukunft einen hohen Anspruch wahren zu können.

    Sabine Rheinhold, 30.8.22