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    Rundfunk im Abseits?

    Rundfunk im Abseits?

    Medienpolitische Tagung von ver.di, DGB und Hans-Böckler-Stiftung zu Sport und Sportrechten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk
    Medienpolitische Tagung ver.di auf den Medientagen München ver.di Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits"
    Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Frank Werneke ver.di Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Frank Werneke

    Mit einem Plädoyer für einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk, insbesondere auch im Internet, hat Frank Werneke, stellvertretender Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die diesjährige medienpolitische Tagung von ver.di, Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) und Hans-Böckler-Stiftung im Rahmen der Münchener Medientage eröffnet.

    „Wer die Entwicklungsgarantie für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ernst nimmt, muss ihm ermöglichen, dort angemessen vertreten zu sein, wo die Nutzerinnen und Nutzer sind. Und das ist zunehmend im Internet, auf Smartphones und Tablets", erklärte Werneke. ver.di setze sich deshalb für die Abschaffung der Verweildauerbeschränkungen für Onlineinhalte für die Bereiche Information, Bildung und Kultur ein. Außerdem müsse der Sendungsbezug für Telemedien durch einen weiter gefassten Programmauftragsbezug ersetzt werden. Nur so sei es den Anstalten möglich, eigenständige Onlineinhalte anzubieten und nicht nur Ergänzungen linear ausgestrahlter Programme. Das ausschließlich online verbreitete neue Jugendangebot „funk“ sei daher ein richtiges Signal.

    Aufruf zur Beitragsstabilität

    Hinsichtlich der Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks forderte Werneke einen stärkeren Fokus auf Beitragsstabilität. „Das öffentlich-rechtliche System muss sich in der digitalen Welt weiterentwickeln können. Dazu gehört eine Finanzierung, die die Erfüllung des Programmauftrags ermöglicht. Ein langfristiges Einfrieren des Rundfunkbeitrages, wie zwischen den Ländern immer wieder diskutiert wird, lehnen wir als ver.di daher ab“, so Werneke. Die langfristige Finanzierbarkeit sei eine politische Herausforderung für die Länder, angesichts der Stimmungsmache, die es teilweise gegen ARD und ZDF gebe.

    Es sei sicherlich kein Zufall, dass gerade die AfD als die Partei, die wenig Interesse an kritischem Journalismus zeige und jede Kritik als „Lüge“ oder „Staatsmeinung“ diffamiere, Stimmungsmache gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und den Rundfunkbeitrag betreibe: „Deshalb braucht es aus meiner Sicht verstärkt gesellschaftliche Bündnisse, die den Wert des öffentlich-rechtlichen Rundfunks mittragen und hervorheben.“ ver.di verstehe sich dafür als Motor und stehe dazu im Austausch mit Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und anderen gemeinwohlorientierten Institutionen: „Wir erwarten aber auch, dass sich die demokratischen Parteien klar zu einem starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennen.“

    Die  Forderung nach einer Zusammenlegung von ARD und ZDF, wie sie vor kurzem von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer ins Spiel gebracht wurde, um vor allem Kosten bei den Anstalten zu senken, stelle das Gegenteil eines Bekenntnisses dar. Daher erteilte Werneke ihr auch eine klare Absage: „Beide Senderfamilien stehen für Qualität, Vielfalt und auch Wettbewerb. Mit der Reduzierung auf nur ein Programm wächst zudem die Gefahr der politischen Einflussnahme auf den Rundfunk.“

    Bezogen auf Sportrechte sei der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einem Dilemma: Einerseits erwarteten die Zuschauerinnen und Zuschauer attraktive Sportinhalte im Programm, andererseits müssten ARD und ZDF mit Bedacht mit den Geldern der Beitragszahlerinnen und Beitragszahler umgehen. Zum ersten Mal seien die Öffentlich-Rechtlichen zudem leer ausgegangen im Rennen um die Olympiarechte der kommenden Jahre, das der US-Medienkonzern Discovery für sich entschieden habe. Derzeit verhandelten die Sender um Sublizenzen für den deutschen Markt.

    Sport als Währung

    Der Intendant des bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, der in der ARD auch zuständig für Sportrechte ist, unterstrich hingegen, dass die Summe, die die ARD für Sportrechte zahle, in den vergangenen sieben Jahren gesunken sei. Er betonte zudem, dass jedem Rechtedeal eine sorgfältige Abwägung vorangehe. Nicht zuletzt stünden alle Vertragsschlüsse unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die Aufsichtsgremien der Anstalten, die den Rechterwerb durchaus kritisch hinterfragten.

    Wobei sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit einem vollständigen Transparenzanspruch tatsächlich in einem Dilemma befände, da Transparenz über mögliche Kosten auch zu einem Wettbewerbsnachteil gegenüber privaten Anbietern führen könnte. Dies, so betonte Ulrich, stünde im Widerspruch zum Gebot des wirtschaftlichen Handelns der Anstalten.

    „Wir befinden uns in starker Konkurrenz. Sport ist nach wie vor der Zenit, das Lagerfeuer, an dem sich die Menschen versammeln und damit eine absolute Stärke von Radio und Fernsehen. Dazu kommt: Sport ist planbar, das macht die Berichterstattung so attraktiv und treibt die Preise in die Höhe. Live-Sport ist damit eine wichtige Währung“, erläuterte der BR-Intendant.

    Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Vivian Perkovic, Christoph Breuer, Dieter Gruschwitz, Uli Röhm (v.l.n.r.) ver.di Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Vivian Perkovic, Christoph Breuer, Dieter Gruschwitz, Uli Röhm (v.l.n.r.)

    Schwere Zukunft für Großereignisse

    Über den exakten Kurs dieser Währung konnten weder die ARD- noch die ZDF-Vertreter auf der medienpolitischen Tagung wegen der laufenden Verhandlungen mit Discovery Auskunft geben. Dieter Gruschwitz, Hauptredaktionsleiter Sport beim ZDF, gab sich angesichts der Situation aber gelassen: „Der Ball liegt jetzt woanders, wir sind aus der Verantwortung für die Olympiaberichterstattung raus, da das IOC die Rechte anderweitig vergeben hat. Diejenigen, die diese Verantwortung jetzt haben, werden sich etwas dabei gedacht haben und der neue Rechteinhaber wird entscheiden, wie es weiter geht. ARD und ZDF wollen gerne berichten, aber nicht um jeden Preis.“

    Für die ganz großen Sportereignisse wie etwa die Olympischen Spiele sehe Gruschwitz für ARD und ZDF tatsächlich eine schwierige Zukunft, da sich verstärkt internationale Medienkonzerne um internationale Sportrechte bemühen – und diese, siehe Discovery, auch bekämen. Dennoch böten die Öffentlich-Rechtlichen auch Vorteile, die noch immer von Sportligen und –verbänden geschätzt würden: „Wir können seriöse und kompetente Berichterstattung gewährleisten und wir können einen längeren Atem bei der Begleitung von Sportevents beweisen. Außerdem gibt es, abseits von Olympia, genügend andere interessante Sportrechte, für die sich die private Konkurrenz nicht so interessiert, wohl aber die Zuschauerinnen und Zuschauer, zum Beispiel Schwimmen, Leichtathletik oder Wintersport“, so Gruschwitz.

    Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Birgit van Eimeren, Bayerischer Rundfunk ver.di Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Birgit van Eimeren, Bayerischer Rundfunk

    Die letzten „Lagerfeuer“

    In ihrem Blick auf Sport als die letzten großen „Lagerfeuer“ im öffentlich-rechtlichen Programm belegte Birgit van Eimeren, Leiterin Unternehmensanalyse und Medienforschung des Bayerischen Rundfunks, dass vor allem Fußball-Großereignisse wie Europa- und Weltmeisterschaften zu den erfolgreichsten Fernsehinhalten zählten. Gerade das Beispiel Fußball zeige, dass die Übertragungen die Gesellschaft abbildeten, sowohl was den Anteil von Frauen und Männern betreffe als auch die Verteilung der Bildungsabschlüsse. Fußball-EMs und –WMs sind damit tatsächlich „Lagerfeuer“.

    Abseits dieser Spitzenwerte zeigten die Zahlen für ARD und ZDF aber auch eines deutlich: Vom gesamten Sportangebot im Programm belaufe sich nur etwa ein Drittel auf Olympia und Fußball-Meisterschaften, zwei Drittel würden durch andere Sportarten abgedeckt. Im Vergleich dazu fokussierte sich die Sportberichterstattung bei RTL, der privaten Konkurrenz, zu 94 Prozent auf Champions League und Formel 1, also reine Spitzensportarten.

    Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Vivian Perkovic, Rolf Rainer Gecks, Axel Balkausky, Dr. Rainer Koch, Hajo Seppelt, Uli Röhm (v.l.n.r.) ver.di Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Vivian Perkovic, Rolf Rainer Gecks, Axel Balkausky, Dr. Rainer Koch, Hajo Seppelt, Uli Röhm (v.l.n.r.)

    Sportjournalismus und Unabhängigkeit

    Die starken kommerziellen Verflechtungen, die mit Sportübertragungen heutzutage einhergingen, wirkten auch auf die Unabhängigkeit von Sportjournalistinnen und Sportjournalisten zurück, betonte Rolf Rainer Gecks, selbst Sportjournalist und Personalratsvorsitzender beim NDR. Die Herausforderung sei es, sportbegeistert zu bleiben, ohne auf journalistische Standards zu verzichten. Hajo Seppelt, ARD-Sportjournalist und Dopingexperte, warf hingegen den öffentlich-rechtlichen Anstalten vor, früher jahrelang die bestehenden Systeme aus Korruption und Doping durch die ihre zu unkritische Berichterstattung mitgetragen zu haben. Von den Sportstars und Verbänden selbst sei nicht zu erwarten, dass sie ihre eigene Geschäftsgrundlage, die heute im Wesentlichen auf Vermarktung und Kommerzialisierung beruhe, gefährdeten. Hier seien die Sportjournalisten in der Pflicht. So müssten beispielsweise Live-Kommentatoren einen Informationsmehrwert zu der ohnehin in den Bereich der Unterhaltung fallenden Sportübertragung bieten – durch Hintergründe und Zusammenhänge, die der Zuschauer oder Zuhörer allein nicht erkenne.

    Vor diesem Hintergrund forderten Gecks und Seppelt auch, die Sportredaktionen in den Sendern stärker in Richtung sportpolitischer Redaktionen auszubauen. Dabei sei es auch wünschenswert, wenn die Aufsichtsgremien in den Anstalten entsprechende Entwicklungen unterstützten.

    Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Birgit van Eimeren, Michael Brandner, Oke Göttlich (v.l.n.r) ver.di Medienpolitische Tagung "Rundfunk im Abseits": Birgit van Eimeren, Michael Brandner, Oke Göttlich (v.l.n.r)

    Plündert Sport andere Sendeplätze?

    In Bezug auf die Frage, ob Sportbudgets Sendeplätze für fiktionale Inhalte plünderten, warf Michael Brandner vom Bundesverband Schauspiel den Öffentlich-Rechtlichen vor, durch ihren Einstieg in den Rechteerwerb den Markt an fiktionalen Produktionen verengt zu haben. Dadurch, dass immer weniger Sportinhalte in den privaten Rundfunksendern ausgestrahlt würden, da ihnen die Einnahmen durch Sportübertragungen fehlten, seien die privaten Sender maßgeblich aus der Produktion eigener fiktionaler Inhalte ausgestiegen – zu Lasten des Engagements von Schauspielerinnen und Schauspielern. Hier seien lediglich die öffentlich-rechtlichen Anstalten als einzige Auftraggeber erhalten geblieben – in einer Art Monopol, in der sie zunehmend die schlechter werdenden Arbeitsbedingungen bestimmten. Birgit van Eimeren verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass man die Öffentlich-Rechtlichen nicht für Programmentscheidungen der Privaten verantwortlich machen könne, insbesondere vor dem Hintergrund glänzender Geschäftsberichte, etwa bei RTL.

    Sport als Integrationsmotor

    In der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports sah Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli, insbesondere die Gefahr einer Entfremdung zwischen Fans und Sport. Gerade im Spitzenfußball zeige sich diese Entwicklung. „Am Ende schießt Geld die Tore“, so Göttlich. Kleinere, weniger finanzstarke Vereine könnten immer weniger mit großen Vereinen mithalten, insbesondere wenn diese potente Geldgeber, etwa Oligarchen, im Hintergrund hätten. Eine zunehmende Entfremdung sah Göttlich auch hinsichtlich der Olympischen Spiele. ARD und ZDF sollten daher auf keinen Fall Sublizenzen von Discovery erwerben. Prinzipiell gehöre Spitzensport wie Bundesliga oder Olympia jedoch zum Grundversorgungsauftrag der Anstalten. Dabei hätten sie die Aufgabe, den Sport auch regional in seiner Vielfalt abzubilden und so auch junge Menschen für Sport zu begeistern.

    Dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender bei ihrer Sportberichterstattung verstärkt auch den politischen Dimensionen widmen müssten, machte DGB-Vorsitzender Reiner Hoffmann deutlich. Sport sei heute hoch politisch. Die Vergabe der Fußball-WM nach Katar 2022 mit ihren skandalösen Arbeitsbedingungen sei der beste Beweis dafür. „Arbeitssklaven unter dem Patronat der FIFA“, beschrieb Hoffmann die Zustände. Darüber hinaus zeigen sich auch in deutschen Vereinen und Stadien die gesellschaftliche Realität, etwa in Sachen Rassismus und Gewalt. Gerade deshalb sei der Sport als Integrationsmotor wichtiger denn je. Sport dürfe deshalb nicht nur reine Unterhaltung und Ablenkung der Massen sein, sondern in seiner Gesamtheit kritisch erfasst und bewertet werden. Das sei insbesondere Aufgabe der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten.

    Zum ausführlichen Bericht über die medienpolitische Tagung auf den Medientagen München auf M Online, dem medienpolitischen ver.di-Magazin