Medienpolitik

    Digital total?

    Digital total?

    Medienpolitische Tagung von ver.di beim MDR in Leipzig

    Die Digitalisierung revolutioniert Mediennutzung und Medieninhalte – mit spürbaren Konsequenzen für öffentlich-rechtliche Angebote, für Berufsbilder genauso wie für die Einkommenssituation von Kreativen. Auf einer gemeinsamen Tagung von ver.di und DGB am 15. und 16. Oktober beim MDR in Leipzig wurde versucht, gewerkschaftliche Antworten auf diese Herausforderungen zu finden.

    25 Jahre nachdem viele Ostdeutsche auch für Meinungs- und Pressefreiheit auf die Straße gegangen sind, steckt der Journalismus in einer Glaubwürdigkeitskrise – Übergriffe auf Journalisten und Rufe à la „Lügenpresse“ sind nur die extremsten Auswüchse. Und als sei das nicht genug, findet parallel ein tiefgreifender medialer Transformationsprozess statt, der auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor neue Aufgaben stellt. Vor diesem Hintergrund diskutierten gewerkschaftliche Gremienvertreter, Medienschaffende und medienpolitisch Interessierte gemeinsam auf der Tagung "Digital total? Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Internetgesellschaft". Moderiert wurde die zweitägige Veranstaltung von Uli Röhm und Stephanie Müller-Spirra.

    Karola Wille, Intendantin MDR, auf der Medienpolitischen Tagung in Leipzig ver.di Karola Wille  – Intendantin des MDR

    Prof. Dr. Karola Wille, Intendantin des MDR, sowie Frank Werneke, stellvertretender ver.di-Vorsitzender, betonten in ihren Begrüßungsstatements die im digitalen Zeitalter so wichtige Rolle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks als marktunabhängiger Anbieter vielfältiger und qualitätsvoller Inhalte. Dazu umriss Wille die strategische Neuausrichtung des MDR unter dem Label "MDR 2017" hin zu einer konsequent trimedial produzierenden Anstalt, die vor allem Hintergrund, umfassende Recherche und glaubwürdige Inhalte in den Mittelpunkt stellt, also ihr publizistisches Profil weiter schärfen wolle.

    Werneke beschrieb den Umbruchprozess bei den Öffentlich-Rechtlichen u.a. am Beispiel der Sportrechte. ARD und ZDF waren bei der Vergabe der Übertragungsrechte für die Olympischen Spiele 2016 in Brasilien leer ausgegangen. Auf solche Marktverschiebungen müsse sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Zukunft einstellen – und reagieren. Werneke forderte die Gremienvertreter auf, jetzt strategische Diskussionen in den Anstalten anzustoßen, um die kommenden Entwicklungen mitzugestalten.

    Peter Kerckhoff, Deutsche Telekom, auf der Medienpolitischen Tagung beim MDR in Leipzig ver.di Peter Kerckhoff  – Deutsche Telekom, Leiter Content

    Detaillierte Einblicke in die aktuellen Marktentwicklungen lieferte Peter Kerckhoff, Leiter Content bei der Deutschen Telekom. Wesentlich sei, dass Menschen heute neben dem Fernsehen parallel im Netz surfen, mailen und kommunizieren und gleichzeitig der Anteil nicht-linearen Fernsehkonsums wachse, wie die stark zunehmenden Umsätze im Video on Demand-Bereich zeigten. Hier seien vor allem mit internationalen Anbietern wie Amazon Instant Video oder Netflix schon heute den Markt bestimmende Akteure unterwegs. Mit einer absehbaren Konsequenz: Da diese Player stark auf Eigenproduktionen setzen, weil der ausschließliche Erwerb von Lizenzware zu teuer ist, und zugleich versuchen, ihre Inhalte möglichst global zu verwerten, werde sich auch der Nutzergeschmack internationalisieren.

    Jan Kottmann, Google Deutschland, auf der Medienpolitischen Tagung beim MDR in Leipzig ver.di Jan Kottmann  – Google Deutschland, Leiter Medienpolitik

    Warum gerade YouTube so erfolgreich ist, erläuterte Jan Kottmann, Leiter Medienpolitik bei Google Deutschland. Hierfür verantwortlich sei vor allem der in den USA feststellbare Trend, wonach die Hälfte der unter 30-Jährigen TV-Inhalte nur noch online konsumiere. Hinzu kämen besondere Eigenschaften der YouTube-Nutzer, die kein Publikum mehr seien, sondern "Fans": Ein Publikum schaut zu, Fans wollen teilhaben. So kommt es, dass bei YouTube heute 400 Stunden Content pro Minute hochgeladen und pro Monat neun Milliarden Videos aufgerufen werden. Das Geschäftsmodell dahinter: die hochgeladenen Inhalte mit Werbung vermarkten und professionelle YouTuber darin unterstützen, möglichst professionelle Inhalte zu produzieren – um diese wieder zu vermarkten.

    Dass diese und ähnliche Geschäftsmodelle bestens funktionieren, veranschaulichte Thomas Laufersweiler von der ARD-Onlinekoordination in einem Überblick der aktuellen Player in der globalen Medienlandschaft. Die Konzerne weiteten vor allem stetig ihre bestehenden Geschäftsfelder aus: Der Alphabet-Konzern (ehemals Google) investiert in Robotik, Drohnen, Körperdaten und Medizintechnik. Apple drängt mit Apple News auf den Nachrichtenmarkt, Facebook mit Instant Articles. Darüber hinaus setze das soziale Netzwerk verstärkt auf Videoinhalte. Als langfristiges Ziel wolle es die "Maschinenlesbarkeit von Menschen" erreichen – durch die Kombination von künstlicher Intelligenz und Big Data. Amazon wiederum wandele Kundendaten bereits in Echtzeit um und hat daraus ein Geschäftsmodell generiert.

     

     

     

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