Hessischer Rundfunk

    Recherche – Pflicht oder Kür?

    Journalismus lebt von Recherche. Allerdings fehlen oft Zeit und Mittel.

    Recherche – Pflicht oder Kür?

    Rückblick: Veranstaltung des hr Redakteursausschusses am 8. Juni mit hochrangigen Gästen
    Blick auf das Podium bei der  Recherche-Veranstaltung im hr am 08.06.2015 © Karsten Hufer Recherche-Veranstaltung im hr  – Auf dem Podium: (v.l.) Thomas Schuler (Trainer), Frederik Obermaier (SZ) und Harald Schumann (Tagesspiegel); Sylvia Kuck moderierte.

    09.06.2015 - Recherche ist die Grundlage von gutem Journalismus – doch oft fehlen dafür Zeit, Mittel oder auch das nötige Know-how. Welche Bedingungen braucht es für eine gute Recherche? Was zeichnet gute Recherchen aus? Und: Ist Recherche Pflicht oder doch eher die Kür im Journalismus? Zu einer Diskussion über dieses für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zentrale Thema hatte der hr Redakteursausschuss (RA) am Montagabend ins Café im Funkhaus am Dornbusch eingeladen. Auf dem Podium stellten sich Harald Schumann (Tagesspiegel), Frederik Obermaier (SZ) und Thomas Schuler (Trainer) den Fragen von Moderatorin und RA-Mitglied Sylvia Kuck sowie der rund 50 anwesenden Gäste.

    Einig waren sich alle drei darin, dass für gute Recherche-Stories die Rahmenbedingungen stimmen müssen – vor allem beim Faktor Zeit. "Um ein großes Knäuel zu entwirren, braucht es Wochen oder Monate", betonte SZ-Reporter Obermaier und steuerte einige Eindrücke aus seinem Arbeitsleben bei. Er selbst recherchiere gerade an acht Themen gleichzeitig – von denen einige vielleicht erst in einem Dreivierteljahr zu einer Story würden. Zum Alltag gehöre auch, dass viele Recherchen im Sande verlaufen oder scheitern. Wegen des Drucks, etwas publizieren zu müssen, ließen sich unter den Bedingungen moderner Newsrooms aber häufig nicht mal die "08/15-Regeln" wie etwa das Zwei-Quellen-Prinzip einhalten, meinte Tagesspiegel-Reporter Schumann.

    Rechercheverbund

    Als Mitglieder von Rechercheredaktionen bei SZ und Tagesspiegel haben Obermaier und Schumann geeignete Arbeitsbedingungen gefunden. Der Alltag vieler Journalisten sieht anders aus. Gerade für Freie bleibt oft kein Spielraum für eigene Recherchen. "Terminjournalismus wird besser bezahlt als investigativer Journalismus", erklärte der Dozent und Journalist Schuler. Dass man bei manchen Arbeitgebern zunächst detaillierte Recherchepläne vorweisen müsse, bevor Gelder und Honorare genehmigt werden, sahen die Diskutanten kritisch: "Recherche nur auf Antrag legt die Hürde so hoch, dass sie im journalistischen Alltag nicht stattfindet", so Schumann.

    Vor dem Hintergrund zunehmend komplexer werdender Themen seien Kooperationen immer wichtiger. "Die Einzelkämpfernummer kann man sich nicht mehr leisten", hieß es vom Podium. Die SZ setzt bekanntermaßen auf einen Rechercheverbund mit den Öffentlich-Rechtlichen von WDR und NDR. Dem Einwurf Schumanns, dass diese Zusammenarbeit quasi "Kartellwirkung" auf den Rest der Branche habe, entgegnete Obermaier: "Wir sind nicht auf WDR und NDR beschränkt. Wir sind für alles offen."

    In einer lebhaften Diskussion bekamen die Zuhörer Raum für zahlreiche Fragen und eigene Anmerkungen. Daran beteiligte sich auch Fernseh-Chefredakteur Alois Theisen, der sich ebenfalls unter den Gästen befand. Er betonte, dass der hr – obwohl dieser zu den kleinen Rundfunkanstalten gehöre – durchaus bereit sei, Mittel für Recherchen bereitzustellen. Er verwies dabei auf eine "Schatulle" des Intendanten, aus der heraus besondere Projekte gefördert werden könnten. Eine Summe, wie viel Geld dafür zur Verfügung steht, nannte er nicht. Mitarbeiter würden aber nur selten Anträge stellen.

    Story-Redaktion: Themenideen willkommen

    Oliver Günther (hr-iNFO Programmmanagement) verwies auf die grundsätzliche Offenheit der Story-Redaktion für Themenvorschläge aus den Reihen der Reporter. Er nehme aus der Diskussion mit, dass dies noch nicht überall im Haus bekannt sei. Theisen und Günther merkten an, dass es zum Thema "NSU in Hessen" eine Arbeitsgruppe gebe, die regelmäßig Informationen über den Stand der Recherche austausche.

    Trainer Schuler hatte eine Reihe von Tipps parat, wie kleinere Rundfunkanstalten wie der hr die Recherche stärken könnten: das Know-how dazu solle nicht nur in der Ausbildung, sondern auch in der Fortbildung ernst genommen werden. Auf einem "Tag der Recherche" könnten sich recherchierende Kollegen gegenseitig austauschen und Erfahrungen weitergeben. Außerdem könnte eine kleine Rechercheeinheit den Anfang machen, um mit eigenen Geschichten Wirkung nach Innen und Außen zu erzielen.

    09.06.2015, Karsten Hufer (Mitglied Redakteursausschuss)

    Die Veranstaltung des Redakteursausschusses im hr wurde unterstützt von Ver.di und DJV.